Mediziner:innen
Patient:innen
Hilfe
BFS
Mediziner:innen
Patient:innen
Hilfe
BFS
Abrechnung

Hey 2023! Was erwartet uns?

Der Jahreswechsel ist der perfekte Zeitpunkt zum Innehalten, Neuorientieren, Ziele setzen und Altes ziehen lassen. Doch unter welchen Voraussetzungen starten wir ins neue Jahr? Welche Chancen und Stolpersteine bringt 2023?
19. Dezember 2022

Wir fassen die wichtigsten Änderungen rund um die zahnärztliche Abrechnung und Verwaltung zusammen und können hoffentlich Sorgen aus dem Weg räumen. Und die Hürden, die bleiben, nehmen wir gemeinsam.

Worauf muss ich zu Jahresbeginn achten – was gibt´s Neues?

Die Aufmerksamkeit gilt aktuell vor allem dem GKV-Finanzstabilisierungsgesetz und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Budgetierung in den kommenden zwei Jahren. Die Rückkehr der Budgetierung führt zu großer Unsicherheit seitens der Praxen.

GKV-Finanzstabilisierungsgesetz: Alles im Budget?

Am 28.10.2022 hat der Bundesrat das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz abschließend gebilligt. Mit der im Gesetz enthaltenen strikten Budgetierung für 2023 und 2024 werden für den Bund Kosten (auf Kosten der Zahnärzteschaft) eingespart.

Unter Budgetierung versteht man die jährliche Gesamtvergütung einer Krankenkasse für die vertragszahnärztliche Versorgung. Von der Budgetierung betroffen sind folgende Leistungen:

  • Konservierende und chirurgische Leistungen
  • Parodontologische Leistungen
  • Behandlung von Verletzungen des Gesichtsschädels (Kieferbruch), Kiefergelenkserkrankungen (Aufbissbehelfe)
  • Kieferorthopädische Leistungen

Ausgenommen werden folgende Behandlungsfelder:

  • Individualprophylaxe-Leistungen
  • Maßnahmen zur Verhütung von Zahnerkrankungen bei Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen
  • Früherkennungsuntersuchungen
  • Leistungen im Rahmen der aufsuchenden Versorgung oder von Kooperationsverträgen zwischen stationären Pflegeeinrichtungen
  • Parodontologische Leistungen bei Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen
  • Zahnersatz

Was bedeutet Budgetierung für den Zahnarzt?

Um es einmal deutlich zu formulieren: Durch das Finanzstabilisierungsgesetz werden zahnärztliche Leistungen trotz wirtschaftlicher Behandlungsweise gegebenenfalls nicht vergütet. Das immer dann, wenn das Budget der jeweiligen gesetzlichen Krankenversicherung (Fallzahl x Punkte/Fall) aufgebraucht ist.

Veranschaulichen wir das an einem Beispiel: Für die AOK sind im KZV-Bereich Westfalen-Lippe in der Gruppierung Zahnärzte (Fallzahl 501-550) 79 Punkte je Fall vorgesehen. Wie schnell sind diese 79 Punkte in einem Quartal erreicht?

BEMA-Ziffer Leistungsbeschreibung Punktzahl
01Eingehende Untersuchung 18
8Vitalitätsprüfung 6
40Infiltrationsanästhesie 8
13cFüllung, dreiflächig 49
Gsamtpunktzahl81

Ernüchternd? Leider ja.  

Als Tipp für einen geschickten Umgang mit der Budgetierung wird häufig ein „Verdünnen“ der Fallzahlen genannt. Wenn allerdings eine konservierende Behandlung wie im obigen Beispiel bereits das Budget überschreitet, wird deutlich, wie wenig Volumen letztendlich bleibt, bevor die Budgetierung greift. Selbstverständlich handelt es sich um eine Mischkalkulation. Der Durchschnittsfall ist allerdings bereits mit sehr wenigen BEMA-Leistungen überschritten. 

Werfen wir einen Blick auf eine endodontische Behandlung an einem einwurzeligen Zahn.  

BEMA-Ziffer Leistungsbeschreibung Punktzahl
8Vitalitätsprüfung 6
Ä925a Röntgenaufnahme präendodontisch 12
40 Infiltrationsanästhesie 8
28Vitalexstirpation18
32Wurzelkanalaufbereitung 29
35Füllen eines Wurzelkanals 17
Ä925a Röntgenaufnahme postendodontisch 12
13aFüllung, einflächig 32
Gesamtpunktzahl134

Mit einer solchen endodontischen Behandlungssitzung haben wir für diesen Patienten die durchschnittlich zur Verfügung stehenden Punktzahl bereits deutlich überschritten. Um es bezüglich der überschrittenen Punktzahl zu verdeutlichen: Wurzelkanalaufbereitung (BEMA-Nr. 32) und –füllung (BEMA-Nr. 35) werden nicht mehr honoriert.

Auswirkungen auf die PAR-Richtlinie 

Bevor die PAR-Behandlungsstrecke ihre positiven Auswirkungen auf die deutsche Bevölkerung zeigen konnte, wird dieses fortschrittliche Behandlungskonzept in seiner Wirksamkeit beschnitten. Patient:innen haben einen Rechtsanspruch auf eine fortschrittliche PAR-Behandlung basierend auf der S3-Leitlinie. Laut Aussage des Bundesgesundheitsministers handele es sich bei den Änderungen durch das GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes um Kosteneinsparungen ohne Leistungskürzungen. Diese Aussage entspricht in der Praxis jedoch nur dann der Wahrheit, wenn Zahnmediziner:innen bereit sind, ab Überschreitung des Budgets nahezu kostenlos zu behandeln (vgl. Bundessozialgericht B 6 KA 36/00R vom 14.03.2001).

Folgt man den Veranstaltungen der KZVen mit den Hochrechnungen und Beispielrechnungen wird deutlich, dass eine Praxis, die engagiert die neue PAR-Richtlinie umsetzt einer Honorareinbuße nicht entgehen kann. Unser Tipp: Auch wenn es zum Jahresende eng im Terminkalender ist, besuche dringend eine der von deiner KZV angebotenen (Online)Veranstaltung zum HVM.

Das umfangreiche und gut bewertete Leistungsspektrum der PAR-Behandlungsstrecke verliert somit eineinhalb Jahre nach ihrer Einführung aus betriebswirtschaftlicher Sicht schlagartig an Attraktivität.

Um eine Einbuße möglichst gering zu halten, ist zwingend zu empfehlen, den HVM in der Praxissoftware zu beobachten und bei drohenden Überschreitungen die PAR-Behandlung von Patient:innen dieser Krankenversicherung im Folgequartal zu terminieren. Ob mit diesem Vorgehen „das Übel“ von einem Quartal zum nächsten geschoben würde, bleibt zu prüfen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Terminierung der PAR-Behandlungsstrecke auch schon ohne den Faktor Budgetierung eine Herausforderung für Zahnarztpraxen dargestellt hat, scheint diese Herangehensweise in der Praxis kaum durchführbar. Die Abrechnungsbestimmungen der Befundevaluationen und UPT-Leistungen zu den zeitlichen Abständen schränken die Terminierung ein und werden eine zusätzliche Berücksichtigung der Budgetüberschreitung erschweren.

Eine Idee zur Problemlösung könnte sein, Patient:innen ab Überschreitung des Budgets in der jeweiligen GKV in dem Quartal nicht mehr zu behandeln. Wem dieser Gedanke auch in den Sinn kam, sei vorgewarnt. Vertragszahnärzt:innen haben rechtlich keinen Anspruch auf eine bestimmte Vergütung, sondern Anspruch auf Teilhabe an der Verteilung der Vergütung. Eine Verweigerung der Behandlung auf Grund von vermeintlich zu geringem Honorar wurde durch das Bundessozialgericht (B 6 KA 36/00R vom 14.03.2001) als nicht rechtens eingestuft. Eine Behandlungsablehnung aus rein finanziellen Gründen ist somit ausgeschlossen. Auch eine private Vereinbarung nach § 8 Absatz 7 BMV-Z der PAR-Behandlung ist rechtlich nicht zulässig, wenn der Grund für die Privatvereinbarung die mangelnde Vergütung in der vertragszahnärztlichen Versorgung ist.

Welche Möglichkeiten gibt es mit der Budgetierung geschickt umzugehen? 

Zum jetzigen Zeitpunkt erhalten wir die ersten Informationen einzelner KZVen. Wir empfehlen Zahnarztpraxen die Fortbildungsveranstaltungen der zuständigen KZV aufzusuchen und die Rundschreiben gewissenhaft zu berücksichtigen. Hier wird es voraussichtlich KZV-spezifische Unterschiede, sowie unterschiedliche Unterstützungsangebote wie Budget-Tools und Beratungsangebote geben. Diese Angebote sollten intensiv genutzt werden.

Unser Tipp: Erkundige dich, ob deine KZV dir weitere Einreichungen der KB- und PAR-Abrechnung in diesem Jahr ermöglicht. Einzelne KZVen bieten das bis zum Jahresende an. Die KZV Bayern nimmt mehrere Abrechnungen bis zum 31.12.22 bis 23:59 Uhr an.

Die Einführung oder Wiederbelebung eines Recall-Systems hat sich erfahrungsgemäß durch die Fallzahlerhöhung positiv auf die Budgetierung ausgewirkt. Das kann ein erster Handlungsschritt sein um aktiv für möglichst geringe Honorareinbußen aufgestellt zu sein.

Die Zuständigkeit für die Beobachtung der Budgetmitteilungen sollten Praxen zum Jahresbeginn klären und dann individuell besprechen, welche Auswirkung die Entwicklungen auf die Terminierung von Behandlungen haben. Die Aufsplittung umfangreicher Behandlungsfälle auf mehrere Quartale kann sich günstig auswirken.

Der erhöhte Einsatz von Privatvereinbarungen bei gesetzlich versicherten Patient:innen wird für die Sicherung der betriebswirtschaftlichen Performance der Zahnarztpraxen unumgänglich sein. Sich hier zu stärken, Kommunikation und Strategie in den Fokus zu rücken, wird ein wichtiger Schritt in Richtung Praxiserfolg sein.

Abschließend möchten wir zusichern, dass wir auf Hochtouren mitverfolgen, welche neuen Entwicklungen sich ergeben. Sobald wir neue gesicherte Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen haben, werden wir diese veröffentlichen.

Aktueller Stand zum elektronischen Beantragungs- und Genehmigungsverfahren 

Nicht zu vernachlässigen bei der Vorbereitung für 2023 ist das elektronische Beantragungs- und Genehmigungsverfahren (EBZ). Ab dem 01. Januar 2023 ist die Nutzung des EBZ für alle Zahnarztpraxen für die Bereiche ZE/ KB/ KFO verpflichtend. Nur bei technischen Problemen ist das Ausweichen auf Stylesheets möglich. Sowohl die KZVen, als auch die Softwarehersteller, bieten Hilfestellungen bei der Umstellung an.

Für PAR-Pläne wird davon ausgegangen, dass die verpflichtende Umstellung ab dem 01.07.2023 in Kraft tritt. Wir empfehlen frühestmöglich auch hier die digitale Übermittlung zu nutzen.

Von Vorteil ist mit Einführung des EBZ die Klarstellung, dass auf dem Heil- und Kostenplan zum Zahnersatz seitens der Zahnarztpraxis nur die voraussichtliche (!) Zuschusshöhe/ Härtefall eingetragen wird. Die abschließende Prüfung obliegt der Krankenkasse.

Während wir bei dem vorangegangenen Thema zur Budgetierung nur wenig Erfreuliches mitteilen konnten, verspricht das EBZ eine langfristige Verbesserung im Praxisalltag. Deutlich schnellere Genehmigungen und Verlängerungen der Anträge versprechen einen vereinfachten organisatorischen Ablauf und lassen auch die Verwaltung der Zahnarztpraxen endlich im digitalen Zeitalter ankommen.

Hinweise und Stolpersteine EBZ: 

Die Patienteninformationen (Vordrucke 3c und 3 d) sehen lediglich ein Unterschriftenfeld für die Versicherten vor. Eine rechtswirksame Vereinbarung besteht jedoch erst, wenn die Unterschrift beider Vertragsparteien, also Versicherungsnehmer:in und Behandler:in, vorliegen. Praxen sollten hier die Unterschriften beider Vertragsparteien einholen.

Ausblick: Was wir gerne noch sehen würden @2023 

Es ist doch die Zeit für Wünsche, richtig? Auf unserem Wunschzettel stehen unter anderem:

  • Eine faire Honorierung zahnmedizinischer Leistungen: Die Honorierung der PAR-Behandlungsstrecke ist zu schön um wahr zu sein. Nachdem wir in den vergangenen eineinhalb Jahren motivierte Praxen begleitet haben, die ihre Praxisausrichtung angepasst, Dentalhygieniker:innen eingestellt und Behandlungskonzepte erstellt haben, schmerzt es, wenn diese Erfolgsgeschichte ein jähes Ende nehmen soll. Und auch wenn wir uns bislang ausschließlich mit Themen zur vertragszahnärztlichen Versorgung befasst haben, die Privatabrechnung sei nicht vergessen. Gleichbleibende Honorierung seit über dreißig Jahren bedürfen ebenfalls einer Anpassung.
  • Die Überarbeitung der „Schnittstelle BEMA und GOZ“ (KZBV): Der aktuelle Stand dieses Dokument ist aus dem Jahr 2015. Dieses überaus hilfreiche Nachschlagewerk hat in mehreren Behandlungsbereichen keine Aussagekraft mehr. Die Einführung der PAR-Richtlinie und der Aufnahme der Unterkieferprotrusionsschiene in den Leistungsrahmen der GKV sind in der Schnittstelle BEMA und GOZ nicht berücksichtigt, sodass uns hier eine Einschätzung zur Vereinbarungsfähigkeit privater Leistungen seitens der KZBV fehlt. Eine Neuauflage wäre unsererseits gerne gesehen.
  • Eine einheitliche Mehrkostenregelung im Bereich der Kieferorthopädie: Die unterschiedlichen Auffassungen der Kassenzahnärztlichen Vereinigungen zur Vereinbarungsfähigkeit von Mehrkosten/ besonderer Materialien in der Kieferorthopädie bedürfen einer einheitlichen Regelung.

Diese Aufzählung umfasst nur einige wenige Punkte und kann sicherlich noch umfassend ergänzt werden. Was sind deine Wünsche für das Jahr 2023?

Abschließend können wir sagen, dass 2023 schon jetzt verspricht, ein herausforderndes Jahr für die zahnärztliche Branche zu werden. Wir versprechen, dass wir dich mit all unserem Know-How begleiten werden.

Noch Fragen?